Kreation

2015-05-21 16.58.28

Ich weiß natürlich nicht ob das so stimmt. Aber in meiner Welt gibt es drei Arten Kreativer. Kreativer in „Anführungszeichen“. Muss ich kurz erklären, denn das ist Branchensprech. Branchensprech in „Anführungzeichen“ muss ich auch kurz erklären, denn das ist genauso eine Scheiß-erfundene Vokabel die nicht mal cool klingt, aber sich cool gibt, weil eben eine Worterfindung und deshalb ist es cool, weil kreativ, ach leckt mich doch. Also Branchensprech, man könnte drauf kommen, ist so viel – oder besser: so wenig – wie ein eigenes Wort-Vokabular einer sich-selbst-überschätzenden Branche. Kreativer ist eine Bezeichnung daraus. Und die wiederum macht einen enormen Unterschied zu: Kreativer Mensch. Warum? Ein kreativer Mensch ist quasi jeder. Jeder auf seine Weise. In meiner Welt ist es ähnlich wie in der von Rémy, der kleinen Wanderratte vom Lande aus Ratatouille von Pixar. Rémys Vorbild war Gusteau und der hat gesagt: „Jeder kann kochen“ und weiter „halte dich an das Rezept“. Er hatte recht. Wer zum Beispiel nach Anleitung eine Ton-Tasse dreht, der gilt schwuppdiwupp als kreativer Mensch. Die Unkreativen in gewissen Branchen suchen nach Abgrenzung und mangels Idee sagt man eben: „Kreativer“. Es gibt dort zwei Arten: Die Kreativen und die Accounter. Ne, echt jetzt, das Wort erkläre ich jetzt nicht, das kenne ich auch gar nicht, also ich kenne es schon, ich will es nur gar nicht kennen und auch nicht erklären.

In meiner Welt gibt es also drei Arten von Kreativen. Leute, die das als Beruf ausüben oder besser gesagt, die soviel Bekloppte finden, die ihnen dafür auch noch Geld bezahlen. Wofür? Eben. Genau darum geht es. Wofür eigentlich?

Gruppe 1: Die Künstler. Es gibt Menschen, die können – original – vom weißen Blatt an etwas Neues schaffen, etwas erfinden. Etwas mit Bleistift oder Filzstift zu einer Form formen. Leicht? Keineswegs. Das ist die Vollhölle. Für mich jedenfalls. Wie übel und schwer bitte muss es sein, aus Nichts etwas zu erfinden. Zu entwerfen. Zu dies zu das zu Mode zu Motor zu Medizin. Diese Menschen sind im Grunde nicht die „Kreativen“ die ich so meine. Die Main-Stream- Kreativen. Die haben auch einen anderen Namen. Das sind Künstler. Was ich an denen aber mag ist nicht der Schrott, den sie aus „Nichts“ erschaffen. Okay, manche machen ja ganz ordentliches Zeug. Auch Schrott zu Geld zu dies zu das. Oder Bilder die Grau heißen und abartiger Weise tatsächlich grau sind und weil sie von Gerhardt Richter sind – zum Beispiel – auch noch teuer. In meiner Welt jedenfalls. Das, was passiert, wenn man in einer Museums-Ausstellung vor solch einem Bild steht ist folgendes oder besser der Dialog ist folgender: „Was ist das?“ „Hmmm…“ „Sieht grau aus..“ „Es ist grau“. „Oder ist da ein Farbverlauf..?“ „Nein, es ist grau. Das ist das Licht“. „Welches Licht?“ „Naja, das Licht hier im Raum halt“ „Nein, da ist kein Verlauf, was für ein Verlauf überhaupt? … von grau nach grau, oder was?“ „Es gibt verschiedene Graus“ … „Graus? Wie ist eigentlich die Mehrzahl von grau?“ „Grauen“ (alles lacht). Also die, die sich da grade unterhalten, sind auf jeden Fall mittendrin. So funktioniert Kunst. Die unterhalten sich über etwas, von dem sie noch nie gehört haben, was aber plötzlich Teil ihrer Wahrnehmung ist. Ein Farbverlauf in uni. Genial. Es gibt nur Gewinner bei solchen Erlebnissen. Was noch viel öfter zu beobachten ist, ist dies: „Wie frech ist das denn? Das ist ein graues Bild und kostet ein Vermögen. Schlimmer noch: Es ist unverkäuflich!“ und jetzt kommt der magische Satz: „Da muss man erst mal drauf kommen!“ So. Das ist der Unterschied. Er hat ein graues Bild grau angemalt und nimmt dafür Unsummen und bekommt die auch. Neid. Unverständnis. Ohnmacht wird offiziell als Unkenntnis-Wolf im Bewunderungs-Schafmantel ge- und veräußert. Und damit ist man Teil einer elitären Gruppe Menschen, die sich nicht in ihre schlechten Karten kucken lassen, und wenn sie es täten würde da stehen: „Ganz ehrlich? Ich weiß nicht was das hier soll.“ Da steht aber auch (also in den Karten) dass das Gespräch darüber ja im Grunde ganz erheiternd war, vielleicht sogar erhellend, auf jeden Fall anregend und das ist es, was ich an Kunst im Allgemeinen mag. Nicht immer die Kunst an sich, mehr das was sie auslöst. Vielleicht habe ich grade eines der größten kultur-psychologischen Geheimnisse aufgedeckt. Mag sein. Hehe. Und das vom weißen Blatt Papier an. Spaß beiseite. Nix da, einen Scheiß hab ich. Ich gehöre nämlich zu Gruppe 2 der Kreativen. Meine eigentliche Information zu Gruppe 1 ist diese: Künstler interessieren sich einen Dreck für das, was die Leute sagen. Genial. Das ist wirklich groß. Die machen was sie wollen. Die sind raus. Die haben Stirn. WTF. Kann ich nicht, hab ich nicht, hätte ich gerne, ist mir aber zu dies zu das.

Die Interpreten. Diese Gruppe 2 kann im Gegensatz zur Gruppe 1 alles und nichts zugleich. Was sie aber immer brauchen, sind Impulse von außen. Beispiel: Einer wie ich kann aus einer Torte eine neue Torte machen. Oder Marzipan-Kartoffeln. Irgendeine kritische Masse, brauche ich zu formen. Ich kann auch die Torte zuerst platt machen, einstampfen, zerbröseln und daraus Atlantis neu bauen. „Keine Arme, keine Beine, keine Kekse!“ Ich mag diesen Ausspruch, auch wenn ich seine Bedeutung nicht kenne. Muss ich auch nicht, ich kreiere einfach die für mich allein sinnvollste Bedeutung. Ob aus Tortenbodenbröseln oder unbedeutenden Sprüchen, aber ich schaffe neu. Re-Neu trifft es besser. So richtig neu ist es alles nicht. Ich interpretiere. Oder interpretiere um. Oder ich kombiniere um oder neu. Und es entsteht auch etwas. Ich bin weniger frei als Gruppe 1. Ich brauche zu allem Überfluss eine Aufgabe die ich zu erfüllen habe. Ich muss das dann tun, ob ich will oder nicht. Nur, ich bin eben kein Künstler, also will ich es nicht anders, als nach Auftrag zu arbeiten. Wenn der mir dann nicht gefällt: Mein Pech. Eine Auftragsarbeit. Zum sofortigen oder späteren Gebrauch. Oder zum Wegwerfen, was auch vorkommt. Wenn ich Glück habe, macht es Spaß, aber das hängt… Nein… es hängt nicht an der Aufgabe. Also auch, aber mehr noch an der Tagesform und die ist natürlich immer scheiße, so wie es sich gehört. Ich habe schließlich ein Klischee zu wahren. Innerhalb meines meistens schmalen Gestaltungs-Korridors wird allerdings erwartet, dass ich agiere wie einer aus Gruppe 1. zum Preis zu einem aus Gruppe 3 (später). Der Unterschied zur Gruppe 3, der im Übrigen jeder Teilnehmer aus Gruppe 1 und 2 einmal angehörte, ist, das wir etwas von uns selbst hineinmischen. In Gruppe 1 ist das Sehr-viel-von-einem-selbst. So viel, dass man daran zerbrechen kann, wenn man scheitert. Scheitern ist in dem Zusammenhang ein dehnbarer Begriff. In Gruppe 1 entscheidet der Kreative selbst, wie er Scheitern definiert. Ein Künstler kann Dinge produzieren, für die sich keine Sau interessiert, für die niemand auch nur im Ansatz oder gar Traum darauf käme Geld dafür auszugeben („… kann das weg?“). Das heißt ja noch lange nicht, dass er sich selbst als gescheitert betrachtet. Und was ist, wenn ein Künstler durchschlagenden Erfolg hat? Er verdient Millionen stellt aber fest, dass er im Strom des Geldes sich selbst verlassen hat, nicht das tut wofür er eigentlich berufen war. Es gibt Köche, die haben sich umgebracht, weil sie einen Stern verloren haben. Hab ich gelesen jedenfalls, keine Ahnung ob das stimmt. Manche Köche sehen sich eben als Künstler. Das finde ich völlig okay. Macht nur. Ich mag es, wenn einer ein Handwerk kann. Ich liebe es sogar. Das sind für mich die echten Stars. Really? Really!

Die Als-ob Gruppe auf Rang 3. Die armen Schweine. Können einfach mal nichts, im Grunde so wie die in Gruppe 1 und 2, nur das diese Jung-Kreativen dafür offiziell legitimiert sind. Steht auf ihrer Arschlochkarte. Wäre auch alles nicht so wild, wenn sie sich nicht blöderweise für die halten würden, auf die alle nur gewartet haben. Nein, tut keiner. Warten. Keiner wartet hier auf irgendwen und schon gar nicht auf euch. Aber: Alles wird gut. Wer es nicht in Gruppe 1 schafft oder gar nicht will, der kommt automatisch weiter zu den Interpreten. Alles eine Frage der Zeit. Und man muss erstmal Texte wie diese ertragen und cholerische Vorgesetzte (so wie ich viele Jahre). Dann aber, dann wird alles gut. Alles gut? Als ob. Es ist wie im richtigen Leben, sich für etwas zu halten, was man gerne wäre, geht immer schief. Also in Agenturen natürlich nicht, dort wurde das ja erfunden. Wer labert, gewinnt. Ich hatte einmal eine Studentin an der Akademie, also aus Gruppe 3, die hielt sich gebürtig für Gruppe 1. Das war sehr lustig.

So ist diese Welt. Wirklich.

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