Toleran‘

Auf die Wahrnehmung des Menschen wirken verschiedene Reize. Der Visuelle zum Beispiel. Er erzählt uns eine ganz andere Geschichte als der auditive. Davon abgesehen ist der visuelle Reiz der stärkere.

Ich stelle fest, dass das was man sieht und das was man hört keineswegs deckungsgleich sein müssen.

Im Februar eines jeden Jahres kann man lernen, wie beides auf die Gesellschaft einarbeitet:

Der Karneval nimmt seine Hochburgen ein wie ein großer, bunter Vogel mit breitem Federmantel. Seine Schnabelmaske verbirgt sein wahres Gesicht, das wohlmöglich unser eigenes ist. Seine weiten Flügel legen sich auf uns und verdecken jede Wahrheit, jedes ‘Morgen‘ und jedes Nach-Hause-kommen. Ein Probeabo aus Fröhlichkeit und Leichtigkeit in allen Farben der Welt, allen Düften und allem Zauber.

Wundervoll.

Wenn man aus Köln kommt. Oder Düsseldorf, Mainz, Venedig oder Rio.

Aus Hamburg sollte man dann nicht gerade sein. Oder gar aus Friesland (obwohl die auf gar keinen Fall wissen, dass es Karneval überhaupt gibt. Glücklich sei der Unwissende). Aus Berlin zu sein ist auch problematisch. Aber wer Berliner ist, hat ja 365 Tage Karneval. Also, wat soll‘s

Zurück zum Audio-Reiz. Der WDR Reporter (Mischung aus Karl Lagerfeld und Annette Schavan) fragt die Möhne (oder wie das Wesen heißt): „Un‘ wat macht unseren Karneval für dich so schön? (Schön mit sehr kurzem „ö“). Sie und ihre Augen antworten unisono und glasig wie ein leeres Kölschglas: „Dat we he in de Rheinlan‘ so toleran‘ sin‘!“

Aha.
Toleran‘

Es brüllt uns (audiovisuell) aus allen medialen Rohren und Kanälen und Schläuchen an. Radio, Fernsehen, Tageszeitungen, Webseiten und Plakate. Popbuntschrill as popbuntschrill can be.

Ich hab mir das mal angeschaut und muss sagen:

Hmmmmjjaa, eine Irgendwie-Toleranz, aber net so wie man mein’ könnt‘.

Zumindest nicht so wie ein Outsider, ein Nicht-Rheinländer, einer wie ich, einer-nicht- von-hier, denken könnte, dass es sein müsste.

Der Kölner hat für Zugereiste ein Wort erfunden, „Immi“, von Immigrant, ist ja klar. Dafür gibt es ein extra Wort, weil es ach so viele Nicht-Vor-Hier’s gibt. Richtig viele sogar. Die aber, halten die Welt zusammen, retten sie vor dem totalen Krieg … äh … Chaos. Ich komme darauf zurück.

Unter Toleranz versteht man ja im Allgemeinen und hinlänglich sowas wie Nationen-Toleranz, Völkerverständigung, Kulturen der Welt, so kenn‘ ich das jedenfalls.

Aber weit gefehlt. Das ist hier nicht gemeint!

Beweis:
Ich höre „Gute Laune“, Schlachtruf: Helau. Schlachtruf: Alaaf.

Ich sehe: „Gute Laune“, bunt, schrill, spastisch-epileptisch kombiniert, aber von wegen „Kulturen der Welt“. „Neger“ sind hier allerhöchstens schwarz angemalte rosa-weiße Männer. Kleine Schweinsaugen, überschminkt zu noch größeren Schweinsaugen und die typisch rheinländische Fresse durch ein kosmetisch inszeniertes Joker-Grinsen zusätzlich hervorgehoben.

Toleranz. Gar interkulturell. Totaler Blödsinn übermalt von obergärigem Frohsinn.

2016-02-13 09.19.14Der einzige Schwarze (Ups. Wie sagt man gleich? Ich schau mal in irgendeinem Kinderbuch nach, wie man dich aktuell nennt …) den ich am Rosenmontag gesehen habe, der hat sich mit 3-4 Minuten pro Kilometer auf den Düsseldorf Marathon vorbereitet. Recht so, mein Freund!

Aber was verlange ich da? Karneval ist urdeutscher Volksbrauch. Auch noch ein Regionaler. Kulturgut? Na, wenn ihr das so nennen wollt … bitte schön.

Ein Kölner Bezirks-Fürst hat mal irgendeiner Karnevals-Band einen Proberaum in einem staatlich geförderten Kunsthaus zugesagt. Da war selbst die Regierung nicht mehr ganz so sicher, ob es sich bei „Bläck Föös“, „Paveier“ oder „De Höhner“ um Kunst handelt … Eher nicht. Gut, dass ihr in letzter Minute noch selbst drauf gekommen seid. Ist ja noch nicht alles verloren.

Die Krönung sind aber die pseudo-politischen Statement-Objekte auf den Umzugswagen. Klischee-für-alle! Man nennt das hier allerdings „Kamelle-für-alle“. Wulffs kriechen Merkels in den Arsch, sehr dicke Männer zerdrücken sehr kleine dünne Neger-Kinder (Ups. Schon wieder.. hehesorry) mit ihren Bierbäuchen, der aktuelle US-Präsident dirigiert ein Militär-Orchester im Nahen Osten und die Chinesen fahren Mercedes-Benz. Heywow! Voll politisch. Wozu ne anständige Demo organisieren, wenn man sein „Dagegen-sein“ schön militärisch geordnet hinter’m Trecker herziehen kann? Bleibt alles auch brav auf den Wagen, wie ein Affe im Käfig. Nur nicht rauslassen oder haben sie mal erfolgreich eine junge Frau über ein politisches Thema in einen Flirt verwickelt? Ich meine im Kneipenkarneval? Eben. Klappt ja schon an den anderen 358 Tagen nicht, warum also ausgerechnet an Karneval?

Toleranz.

Je mehr ich drüber nachdenke, umso genauer ich hinschaue, was ich ja nur deshalb kann, weil ich weder Kölsch noch Altbier im Blut habe, desto Rasierklingenscharf und -schmal erscheint mir der Gestaltungsbereich der rheinländisch-karnevalistischen Toleranz. Mir kommt das eher wie ein Elite-Klub beim „Tag der offenen Tür“ vor. Abgekürzt: T.d.o.T. Gesprochen: Tod.

Ach-du-Scheiße. Ich hab da eine Vermutung, was mit Toleranz gemeint ist … Oder vielmehr eine böse, angsterfüllte Befürchtung … Der alte Mann, der immer in Frauenklamotten rumläuft und sich „Jungfrau“ nennt. Man könnte glatt drauf reinfallen, wenn da nicht der andere alte Mann wäre, der so heißt wie ein Pferd, „Prinz“ nämlich. Und dann noch der dritte, der mit der Arschkarte, der es nur zum Bauern geschafft hat, weil er weniger Geld bezahlt hat und noch beschissener aussieht als das Pferd und die Tunte. Wenn diese Entourage nicht wäre, könnt man echt glauben, dass ihr tolerant seid, aber das hier ist doch Kinderficker-Schweinkram oder was wollte ihr damit sagen? Und jetzt lullt mich nicht mit Königshaustraditionsgeschichte ein, die kennt ihr nämlich selbst nicht. Trö-Rrööö!

Warum sagt dazu keiner was? Weil am Rosenmontag Alt-Herren in majestätischer Pose die rheinländischen Familien mit Schokolade ruhigstellen. Sei es durch immensen Pro-Kopf-Zucker oder – was ich glaube – durch die Wurfgeschosse, die sich mit der Energie einer unkontrollierten Schrotkugel ihren Weg durch die Menge bahnen und Ohnmachts- und Nahtod-ähnliche Kopf-Verletzungen verursachen. Buuuuäääää!!!! (Autsch. Das tut schon beim Zusehen weh. Auch der Treffer an der Kinderstirn.) „Ach, kleines Mädchen, das meint der Onkel nicht so …! Und jetzt stell‘ dich wieder in die erste Reihe und fange nochmal 12 Kilo Stadtwerke-Gummibärchen und RWE-Schokoladen-Atomkraftwerke.“ Ups. Mindesthaltbarkeit bis 3/1998? Egal! Da sind wir tolerant.

Ich wusste es.

Apropos: Der kostümierte Konsum-orientierte Ansatz gefällt mir im Grunde ganz gut. Konsum ist ja nichts Schlechtes und zeugt von einer „Uns-geht-es-gut-und-man-spricht-deutsch-Gesellschaft“. „Man-spricht-deutsch“? Naja, ist schon klar, was gemeint ist, auch wenn Kölsche Sprooch und Düssldoffer Platt genauso wenig deutsch sind, wie Köln Landeshauptstadt und Düsseldorf aufregend (Ups … Verzeihung. Tat’s sehr weh?).

Was wollt ich sagen …? Ach so: Sind die Karnevalswagen jetzt fahrende Vereinsheime oder eher Promotion-Trucks? Nichts gegen industrielles Sponsoring. Wobei mich das just an den Rosenmontags-Umzug 2011 erinnert, für den Übernacht alle Karnevals-Wagen mit Anti-Wulff Aufbauten versehen wurden, weil Christian kurz vorher zurückgetreten ist. Aus zwei Gründen lustig: Gerade Wulff war es, der „super tolerant“ ausrief: „Der Islam ist ein Teil von Deutschland“ und weil auch er sich alles sponsern ließ. Der norddeutsche Hannoveraner Wulff versetzt also alle Karnevals-Hochburgen spontan in Aktivität, damit sie optisch und akustisch lautstark gegen den kommerziellen Bundespräsidenten an-persiflieren. Sponsored by Gaffelkölsch. Tja. Wer sich direkt in die Nachtschicht stürzt, läuft Gefahr, das eine oder andere Detail seiner politischen Haltung nicht ausreichend zu hinterfragen.

Tolerant. Was soll’s. Merkt eh keiner.

Aber doof ist der Rheinländer nicht. Er hat dazu gelernt. Wenn ich als Texter meinem Kunden mit einem so generisches Motto ankäme, wie „Köln kann sich mit allen (M)messen“, der würde mich des Raum verweisen und mir sagen, dass ich wieder kommen kann, wenn ich präzises Schreiben gelernt habe. Obwohl: Köln hat ja ein großartiges Messegelände, vielleicht daher? Internationalität perfekt chiffriert. 2004 haben sie sich irgendwas mit Sternzeichen einfallen lassen: „Laach doch ens, et weed widder wäde!“. Oder – ganz weltoffen – für 2005 „Kölle un die Pänz us aller Welt“. Was ich sage: Hier Köln. Da die anderen. Ganz groß ist auch ein Text aus 2010: „In Kölle jebützt“. Warum nicht, wie sonst auch, im Plusquamperfekt? „Isch han in Kölle jebützt jehan!“ Oder, Singer-Songwriter-mäßig, für 2012 „Jedem Jeck sing Pappnas“.

Nicht doof deshalb, weil entweder, Möglichkeit a) wirklich intelligenter Wortwitz, den zwar kein Rheinländer niemals verstehen würde und deshalb glaube ich an Möglichkeit b) Motti so unfassbar generisch zu formulieren, dass, wenn selbst ein Alliierten-Bündnis aus Niederlande, Schweiz und Luxemburg, Deutschland in einem Blitzmanöver militärisch einnehmen würde, ginge das immer noch unter den Karnevals-Motto-Schirm „Colonia ruft die Narren der Länder“ wie bereits 1991 wegweisend treffend gesagt und veröffentlicht. Aber Holland will Köln nicht mal geschenkt haben. Von daher: Leider keine Gefahr aus der Richtung.

Ach, tolerant, die Jecken.

Ich bin schon wieder viel zu politisch geworden, wollte ich doch gar nicht. Wer weltoffen ist, fährt doch sowieso nicht nach Düsseldorf, Köln oder Mainz. Sondern nach Rio.

Die Rheinländliche Toleranz spielt sich auf einer ganz anderen Ebene ab: Auf der Beziehungsebene nämlich.

Es werden während der Karnevalstage mehr neue Beziehungen eingegangen, als alte beendet. Wie das geht? Es geht eben nicht, zumindest nicht außerhalb Kölns und Düsseldorfs. Hier schon. Ich würde es ja einfach ‚Seitensprung‘ nennen. Schwammdrüber. Komm. Egal. Tolerant, hey.

Neinnein, nicht so hier im Rheinland. Im Karneval finden Paare ihr Lebensglück. Ist das für euch eigentlich etwas total Besonderes? So wie ein Baby, das Millennium geboren wird? Sowas ganz, ganz Großartiges?

Jeck.

Man könnte meinen, ich hätte Karneval noch nie Eine abbekommen und übe jetzt Rache. Stimmt aber nicht. Ich habe Karneval erlebt, ob ich wollte oder nicht. Ich lebe hier zwar nicht gerade deshalb und bekomme immer noch einen Riesenschreck, wenn ich in der Zeit bereits vor Karneval, gedankenverloren durch den Kölner Hauptbahnhof gehe und ein Trupp männliche Nonnen mit Bollerwagen mein Sichtfeld entert. Aber ich bin kein Verschmähter. Alles gut.

Ich glaube zwar, dass eure Toleranz mehr mit Bier und Ficken zu hat als mit Politik und Weltkultur, aber was geht’s mich an?

In der Weihnachtszeit versuchte das Lokalfernsehen einem Homo-Hetero-Phänomen auf den Grund zugehen. Es ging um eine Frage nach Wohl und Wehe: Gegenüber des tradierten „Für-alle-Weihnachtsmarktes“ auf den Rudolfplatz sucht sich ein schwuler Weihnachtsmarkt zu etablieren. Mit Erfolg, dafür ohne Heteros. Beide Seiten bleiben schön solitär, aber was soll daran neu oder gar berichtenswert sein? Ist das im Karneval denn anders? Da wird ja auch nicht fremd-jebützt, also schon, aber nur geschlechtsübergreifend. Und wenn, dann bitte nicht unter den „Normalen“. (Normal…) Wo kämen wir denn da hin? „Für alle“ heißt eigentlich „Für-fast-alle“ aber das klingt doof und Schwule isolieren sich sowie selbst. Aber Fastelovend klingt auch doof. Fastnacht nicht, versteht man aber auch nicht.

Als Schwuler verkleidet zu sein ist akzeptiert. Überhaupt verkleidet zu sein ist dann sehr okay, wenn man ins Gespräch kommen will. Wenn nicht, dann lieber nicht verkleiden. Das ist ein NoGo. Jahr für Jahr werde ich gedisst wie auf dem Schulhof eines D-Oberkassel’er Gymnasiums in H&M-Klamotten; schlechterdings ausgegrenzt, bestenfalls bemitleidet: „Kommst du gerade von der Arbeit?“

Lustig ist es, wenn sich welche als „Hamburger“ verkleiden. Das geht im Grunde gar nicht und wenn, dann habe ich ja wohl das beste Kostüm ever. Jeans. Pulli. Jacke. Schal, weil arschkalt. Kein Schnurrbart und wenn, dann ist er echt und keine rote Nase und wenn, dann eine echte. Ich sehe einfach vollständig lächerlich aus, wenn ich mich verkleide. Mich stört es eben, lächerlich auszusehen. Die Rheinländer stört es (sehr sogar) nicht lächerlich auszusehen. Da ist die Toleranzgrenze so schnell erreicht, wie die Eichmarke im Kölschglas.

Ich komme mal zur Sache:

Seit 10 Jahren okkupierte meine (Ex-)Frau den Altweibertag für sich. Seit 10 Jahren wage ich es zum ersten Mal, dieses nicht-offizielle Regelwerk zu durchbrechen und mit meinem besten Freund Karneval zu feiern und zwar am besten Tag: Am Donnerstag.

Sie: „Du kannst doch jeden anderen Tag feiern!“

Ich: „Du auch.“

Sie „F**k d**h, du v*********r V*******eiß********sch!“

Ich: „Du bist intolerant.“

Sie: „Du bist Hamburger.“

Die Abgründe rheinländischer Intoleranz tun sich im eigenen Wohnzimmer auf. Ein Loop.  Nichts zu machen.

Ich gehe nicht aus und passe dafür auf die Kinder auf für die man ohnehin niemals einen Babysitter gefunden hätte, weil die auch Karnevals-Donnerstag feiern gehen.

Toleranz?

So wird das nichts mit dem Metropolen-Image. Das ist Regional-Inzest.

Wenn ihr Toleranz-Teflon seid, dann sind wir … Nennen wir es einmal Jeck-Resistance der Zugereisten. Sie aber, schützen das Rheinland vor dem totalen Chaos. Die Outsider passen nicht nur auf die Kinder auf, sie übernehmen auch die Arschloch-Schichten an den Tankstellen, die Bahnen fahren im Takt, weil die Bahn zum Glück ein nationales Unternehmen ist; Busse und Straßenbahnen fahren, aber fragt bitte nicht wie; Büdchen-Betreiber sind eh alles Türken und Griechen und die Taxis werden gefahren von … von wem wohl? Ne****r. So. Dä. Die sind cool.

Schön „Danke“ sagen nicht vergessen.

Und, bei Toleranz habt ihr wohl das zweite L vergessen!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s